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Wenn der Körper sagt, was der Kopf nicht hören will

  • Autorenbild: Roland Braun
    Roland Braun
  • 15. Mai
  • 4 Min. Lesezeit

Wie ich gelernt habe, körperliche Frühwarnzeichen ernst zu nehmen — durch eine teure Lektion


Dunkles Zimmer mit Bett und Nachtlicht. Licht kommt durch das Fenster. Photo by Ahya Agawis on Unsplash

Es gibt Lektionen, die kosten Geld. Und es gibt Lektionen, die kosten erst Geld und dann etwas Wichtigeres. Bei meiner ersten Firmengründung lernte ich beides. Wenn ich heute über körperliche Frühwarnzeichen spreche, dann nicht aus dem Lehrbuch. Sondern weil ich damals zwei Jahre lang ignoriert habe, was mein Körper mir längst sagen wollte.


Ich war Ende vierzig, hatte zwanzig Jahre Industrie hinter mir, vom Sachbearbeiter bis zum Geschäftsführer. Dann kam die Idee, in ein Startup einzusteigen. Ich kam als Letzter in den Gesellschafterkreis. Ich brachte mein eigenes Geld mit. Fast alles, was ich hatte.


Ich war geblendet. „Kurs Karibik“ habe ich damals immer gesagt — viel Geld machen, dann Leben genießen. Gier frisst Hirn. Das galt damals auch für mich.


Was der Körper schon wusste, lange bevor der Kopf nachzog

Die Idee war im Kern richtig. Sie funktioniert heute, in einer anderen Firma, sehr erfolgreich. Damals fehlte uns das Werkzeug — die Software konnte nicht, was wir von ihr verlangten. Aber das wussten wir noch nicht. Wir wussten nur, dass etwas nicht stimmte.


Genauer: Ich wusste es. Aber nicht im Kopf. Mein Kopf hatte ja gerade unterschrieben.


Es begann mit einem mulmigen Gefühl, das ich zuerst nicht zuordnen konnte. Beim Frühstück manchmal, beim Autofahren oft, abends auf der Couch ganz sicher. Es war kein Schmerz. Es war eine Art Unbehagen, das nicht weggehen wollte. Ich erklärte es mir. Stress. Anlaufphase. Wird sich legen.


Dann kamen die Nächte. Erst kürzer, dann unruhiger, schließlich wach um drei. Morgens stand ich auf, als ginge ich gegen einen Widerstand an, der nicht zu benennen war. Im Team kamen die ersten Differenzen — kleine zuerst, dann größere. Auch das erklärte ich mir. Schwierige Marktphase. Persönliche Spannungen. Wird sich legen.


Es legte sich nicht.


Original und Kopie — warum der Körper als Erster spricht

Ich habe später, mit der Distanz der Beratungsjahre, eine Sprache dafür gefunden. Wir kommen als Original zur Welt. Ein Säugling spürt, was er braucht, und meldet es — laut, klar, unverhandelbar. Diese Verbindung zum eigenen Spüren ist die Grundausstattung jedes Menschen.


Im Laufe des Lebens lernen wir dann etwas anderes. Wir lernen, was von uns erwartet wird. Wir lernen, dass Zuwendung leichter kommt, wenn wir bestimmte Dinge tun und andere lassen. Bindung durch Bedingung, nenne ich das. Über Jahrzehnte entsteht so eine zweite Schicht: eine Kopie unserer selbst, die das tut, was geht gut. Die Funktioniert. Die Liefert.


Bei meiner Firmengründung war es die Kopie, die unterschrieben hat. Sie wollte Karibik. Sie wollte Beweis. Sie wollte, dass die Rechnung aufgeht, weil ich sie aufgehen sehen wollte.


Das Original lag derweil nachts um drei wach.


Erich Lejeune — Unternehmer, Münchner, Buchautor und Mensch, dem ich begegnet bin — hat einen Satz, der das in vier Wörtern zusammenfasst, wofür ich hier eine Seite brauche: „Hören Sie auf Ihren Bauch, Ihr Kopf wird es Ihnen danken!“ Lejeune ist kein Therapeut. Er ist Unternehmer, mit Börsengang und allem. Wenn er das sagt, hat es ein anderes Gewicht, als wenn ich es sage.


Warum der Körper nicht lügt — und der Kopf manchmal schon

Das ist der entscheidende Punkt, und ich sage ihn ungern: Mein Kopf hat mich monatelang belogen. Nicht aus böser Absicht, sondern aus Anpassung an das, was ich hören wollte. Mein Körper hat das nicht getan. Er kann es gar nicht.


Schlaf lässt sich nicht reden. Ein flacher Atem lässt sich nicht reden. Eine morgendliche Schwere lässt sich nicht reden. Der Körper ist die letzte Instanz, in der das Original noch unverstellt spricht. Während die Kopie schon Argumente baut, meldet das Original — leise zuerst, dann lauter — was es weiß.


Bei mir kam dann der Moment, an dem ich es nicht mehr überhören konnte. Es war ein nüchterner Moment, kein dramatischer. Eine Sitzung mit dem Technikteam, in der klar wurde: Auch mit mehr Geld würde die Software das nicht leisten können. Die Lücke war nicht finanziell. Sie war strukturell. Mein Körper hatte das längst gewusst. Er hatte nur nicht die richtige Sprache, um es mir zu sagen — also hatte er es mir nachts um drei buchstabiert.


Ich bin ausgestiegen. Es war spät, aber nicht zu spät. Einiges habe ich retten können. Den Rest habe ich gelernt.


Drei Fragen für das eigene Spüren

Ich nenne hier keine Symptomliste. Symptomlisten sind die Versuchung, sich selbst zu diagnostizieren, statt sich zu spüren. Stattdessen drei Fragen, die Sie über die nächsten Tage mit sich tragen dürfen — nicht zur schnellen Beantwortung, eher als Begleitung:

  1. „Wo in meinem Körper meldet sich gerade etwas, das ich seit Wochen oder Monaten weginterpretiere?“

  2. „Welche Entscheidung in meinem Leben war eigentlich nie meine eigene — und woran würde mein Körper das erkennen, bevor mein Kopf es zugibt?“

  3. „Wenn ich morgens schwer aus dem Bett komme — was genau habe ich am Vortag getan oder geduldet, das nicht zu mir gehört?“


Diese Fragen führen nicht zu Lösungen. Sie führen zu Klarheit. Und Klarheit ist die Voraussetzung für Entscheidungen, die wirklich tragen.


Was bleibt

Ich habe damals zwei Jahre meines Lebens und einen großen Teil meiner Ersparnisse in eine Lektion investiert, die ich heute in einem Satz weitergeben kann: Der Körper weiß zuerst. Wer ihm zuhört, spart sich manche teure Korrektur. Wer ihn überhört, lernt es trotzdem — nur langsamer und mit höherem Einsatz.


Das ist keine Empfehlung zu mehr Achtsamkeit. Achtsamkeit verkauft sich heute gut, oft als heiße Luft mit besserer Verpackung. Das hier ist etwas anderes. Es ist die Einladung, dem Original wieder zuzuhören, das wir alle einmal waren — bevor die Kopie zu laut wurde.


Es ist einfach. Nicht leicht. Aber einfach.



Über den Autor

Roland Braun ist Geschäftsführer a. D., Berater und Autor. Er begleitet seit über 25 Jahren Menschen in anspruchsvollen beruflichen und persönlichen Situationen — persönlich in Bonn und online. Seine Bücher „Es darf leicht sein“ und „Auch Führung darf leicht sein!“ erscheinen im Sommer 2026 auf lifemanagement.today. Roland Braun ist zudem Heilpraktiker (Psychotherapie); diese Begleitung ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Behandlung.


Geschäftsführer a. D.  ·  Berater  ·  Autor — Es darf leicht sein


Hinweis: Die in diesem Text geschilderte Erfahrung stammt aus dem eigenen Leben des Autors. Geschäftliche Details sind so verändert, dass keine Beteiligten identifizierbar sind. Wo in späteren Texten Klient:innen erwähnt werden, sind diese durchgehend anonymisiert.


Wenn Sie weitersprechen möchten

Wenn etwas nachhallt — schreiben oder rufen Sie. Ein erstes Gespräch ist unverbindlich und vertraulich.

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